Schülerakademie: Kurze Nächte in den Ferien

Thilo Richter

Abgabetermin: 04:30 Uhr. Nachts, versteht sich. Es ist schon halb zwei und der Kursleiter hat gerade meinen fünfseitigen Entwurf, den ich für fast perfekt gehalten hatte, zerrissen. Bleiben also noch drei Stunden, um im stickigen Computerraum alles neu zu machen. Geschlafen habe ich in den letzten Tagen ohnehin kaum, sodass eine weitere Nachtschicht nicht mehr ins Gewicht fällt… 

Aber worum geht es eigentlich? Das verrückte Unterfangen nennt sich „Deutsche Schülerakademie“, und ich habe eine solche im Sommer 2008 besucht. 

Es handelt sich dabei um ein außerschulisches Programm zur Förderung begabter Schülerinnen und Schüler, das unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht. In einer Akademie finden sich jeweils 16 Teilnehmer aus sechs verschiedenen Kursen zusammen, dazu kommen in jedem Kurs zwei Kursleiter. Die Themen umfassen die Natur- und Geisteswissenschaften sowie den musischen Bereich. Insgesamt verbringen also rund 100 Leute einen großen Teil des Sommers zusammen in einem Internat in Deutschland. 

Im Rahmen des Bewerbungsverfahrens konnte die Schulleitung des Fichte-Gymnasiums, wie jede andere zum Abitur führende Schule auch, genau eine Person aus den Jahrgangsstufen 11 und 12 vorschlagen. Nach meiner Nominierung musste ich mich dann für einen bestimmten Kurs bewerben. Dabei konnte ich die verschiedenen Veranstaltungsorte der sieben Akademien und auch die genauen Termine berücksichtigen, da ein Programmheft vorlag. Es ergaben sich 42 Kurse, die mir zur Auswahl standen. Davon konnte ich fünf als Wünsche angeben. 

Bei meinem Erstwunsch handelte es sich um den Kurs: Mathematische Anatomie des Universums 

Dieser Kurs verfolgte das ambitionierte Ziel, die mathematische Struktur der Raumzeit von fundamentalen Prinzipien ausgehend Schritt für Schritt zu entwickeln. Die Teilnehmer sollten einen Einblick in Mathematik und theoretische Physik auf Universitätsniveau erhalten, teilweise in Bereiche jenseits des Vordiploms. Gegen Ende des Kurses sollte in einzelnen Punkten bis an die aktuelle Forschungsgrenze auf dem Gebiet der allgemeinen Relativitätstheorie vorgestoßen werden. Diese Zielsetzung klang so verrückt, dass die Herausforderung mich reizte. Nicht zuletzt, da die beiden Kursleiter Absolventen der University of Cambridge waren und dort auch promoviert haben. Dies versprach natürlich einen sehr hohen Sachverstand, der zu den Zielen passte. 

Kurz vor den Sommerferien erfolgte dann eine offizielle Einladung zu diesem Kurs, was mich natürlich sehr gefreut hat, da von allen Bewerbern nur ca. 60% angenommen werden. Direkt danach kam vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam, in dem einer der Kursleiter als Forscher tätig ist, ein Stoß Papiere. Es war Material aus einem Universitätslehrbuch der Mathematik für Physiker, das ich zur „Homogenisierung der Vorkenntnisse" durcharbeiten sollte. Es lagen auch Aufgaben bei, deren Lösungen bis zu einem bestimmten Datum bei den Kursleitern eingehen mussten. Damit waren die letzten Wochen vor den Sommerferien und auch deren Beginn erfüllt von Arbeit. Dass dieser Kurs keinesfalls leicht sein würde, war nun offensichtlich. 

Die Akademie fand in Braunschweig in einem Internat statt, das die Schülerinnen und Schüler in den Ferien geräumt hatten. Die Unterbringung erfolgte in Doppelzimmern mit Gemeinschaftsdusche. Mein Zimmernachbar hatte den Kurs „Nachdenken über verschiedene Formen der sozialen Ungleichheit“ belegt, es wurden außerdem Kurse wie „Grüne Gentechnik im ethischen Diskurs“ oder „Komplexchemie“ angeboten.

Einer der Kursleiter

Bereits am ersten Abend lernten wir unsere Kursleiter kennen, die ein zweihunderseitiges Skript in Englisch verfasst hatten, welches durch den Kurs führen sollte. Ein einstündiger Einführungsvortrag stellte den Ablauf der nächsten zwei Wochen dar. Die Kursleiter erwiesen sich dabei als genauso hochkompetent und cool, wie es ihr Lebenslauf versprochen hatte. Der Umgangston war locker, dennoch war die Atmosphäre im Kurs von geballtem Fachwissen erfüllt. 

Jeden Morgen gab es rund drei Stunden Kurszeit, in denen jeweils einer der beiden Kursleiter ein Kapitel aus dem Skript vortrug. Zu diesem Zweck hatte man zwei normale Schultafeln nebeneinander aufgestellt, um nicht so oft wischen zu müssen. In der gesamten Akademiezeit haben sich bei mir ca. 200 Seiten handschriftlicher Notizen zu den Vorlesungen angesammelt. 

Nachmittags ging es dann noch einmal für zwei Stunden in den Kurs, wobei Probleme mit dem Stoff des Morgens besprochen wurden. Wenn die Zeit es erlaubte, wurden auch Übungen durchgeführt. Diese Vorgehensweise machte es allerdings notwendig, in der Mittagspause alles noch einmal durchzugehen. Von einem wirklichen Verstehen konnte aber auch nach der Nachmittagssitzung keine Rede sein, also versammelten sich die Kursteilnehmer abends in Gruppen, um zu lernen. Dies dauerte meist bis tief in die Nacht, selten wurde mehr als vier Stunden geschlafen. 

In dieser Hinsicht war der Kurs also genau so verrückt, wie er sich schon in der ersten Beschreibung angehört hatte. 

Das Kursprogramm selber wurde durch gemeinsame Aktivitäten und Ausflüge aufgelockert. Es gab Volleyballturniere, eine Theatergruppe und viele andere Dinge. Für alle Teilnehmer des Mathekurses war natürlich die Zeit für solche Angebote begrenzt, da der Kurs uns voll beanspruchte. 

Innerhalb der gesamten Akademie hat sich eine ganz besondere Atmosphäre entwickelt, da alle total im Stress waren und gleichzeitig dennoch Gefallen daran fanden. Die Mathematiker hatten eine etwas gesonderte Stellung und wurden sowohl bemitleidet als auch bewundert. Alle wollten einmal sehen, mit welcher Geschwindigkeit unsere Kursleiter an der Tafel schreiben konnten. Wohl nur deshalb nahmen einige an freiwilligen abendlichen Vorlesungen über die Grundlagen der Quantenmechanik teil, weniger aus Interesse. 

Die anfangs beschriebene Episode bezieht sich übrigens auf das Schreiben einer Dokumentation, die jeder Kurs anfertigen musste. Auch hier war es sehr schwer, dem Perfektionismus unserer Gravitationsphysiker gerecht zu werden. 

Im Nachhinein muss ich sagen, dass sich die Teilnahme an der Akademie trotz aller Anstrengungen und dem Opfern von fast vier Wochen Sommerferien absolut gelohnt hat. Es war ein echter Einblick in Universitätsmathematik und –physik, nach dem mich so schnell kein Stress vor einer Klausur mehr beeindruckt. Ich möchte keinen der Akademietage missen. 

Während des Aufenthaltes in der Schülerakademie ist mir außerdem klar geworden, dass ich auf jeden Fall Mathematik und Physik studieren werde. In vielen Gesprächen mit den Kursleitern bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass man auch vor einem Studium an internationalen Topuniversitäten wie Cambridge keine Scheu haben muss. 

Thilo Richter