Wie die Fichte-Schule zu ihrem Namen kam

Im Jahre 1938 wurden die deutschen Gymnasien - dem Zeitgeist entsprechend - einer Vereinheitlichung unterworfen. Die alten Bezeichnungen und Typen, zum Beispiel Oberrealschule, Realgymnasium, verschwanden; die Deutsche Oberschule entstand. Um dennoch die Individualität der einzelnen Schulen deutlich zu machen, ordnete das Reich eine Benennung mit Namen bedeutender Persönlichkeiten an.

Diese Aufforderung brachte die Direktoren der Krefelder Oberschulen in nicht geringe Schwierigkeiten, wusste man doch, welche Namen höheren Ortes erwünscht waren. Bei einem fast familiären Treffen in der Bergschänke kam man überein, diesem Druck von nationalsozialistischer Seite so weit wie möglich auszuweichen.

Ein Blick auf das Bild in seinem Amtszimmer "Fichte als Freiheitsredner" soll den Schulleiter der ehemaligen Oberrealschule, Dr. Rudolf Knippen, auf die Idee gebracht haben, einen entsprechenden Vorschlag zu machen. Tatsächlich war der weit verbreitete und populäre Stahlstich der Anlass, der unserer Schule dann den Namen gab.

Gottlieb Fichte galt als der glänzendste Redner seiner Zeit. Seine Philosophie-Vorlesungen erregten so viel Aufsehen, dass selbst der damalige österreichische Gesandte in Berlin, Fürst Metternich, zu seinen Hörern gehörte. Nach der preußischen Niederlage gegen Napoleon hielt er im Jahre 1807 im besetzten Berlin seine berühmt gewordenen "Reden an die deutsche Nation", deren Atmosphäre später in etlichen Bildern nachempfunden wurde. In diesen Reden rief Fichte das deutsche Volk, und zwar das ganze, ohne Unterschied der Stämme und Stände, zu sittlicher Erneuerung auf. Darin sah er die Grundlage für ein befreites Deutschland, in dem auch die Freiheitsrechte der Bürger verankert werden könnten. An der Gründung der Universität Berlin war er 1810 maßgeblich beteiligt.

Für die heutige Zeit sind wohl die Schriften seiner frühen Jenaer Zeit die wichtigeren, nimmt er doch in ihnen Stellung zu Themen wie Menschenwürde, Freiheit und Recht sowie zur Bedeutung der Öffentlichkeit, des herrschaftsfreien Diskurses und zur Problematik des selbstverantwortlichen Einzelnen in der Gesellschaft. Kennzeichnend mag es in diesem Zusammenhang sein, dass auch Professor Kurt Huber, der als Förderer der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" am 13. Juli 1943 hingerichtet wurde, in seinem Schlusswort vor dem Volksgerichtshof Johann Gottlieb Fichte zitierte und damit sich und seinen Widerstand rechtfertigte: "Und handeln sollst du so, als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge, und die Verantwortung wär' dein."

Freiheitskriegspanorama: Intelligenz noch ohne Arbeiterklasse. "Fichtes Reden an die deutsche Nation", gehalten in Berlin, Winter 1807/8, Gemälde von A. Kampf in der Aula der Berliner Universität (1913/4), heute zerstört

Auf dem Bild im Amtszimmer des Schulleiters spricht Fichte in erhöhter Position vor den Toren Berlins - das Brandenburger Tor ist im Hintergrund angedeutet - zu mehr als vierzig Personen, die aus allen Ständen stammen. Soldaten in Uniform. Handwerker in ihren ledernen oder weißen Schürzen und mit offenen Kragen, Bürgersleute mit Zylinder und vor allem Schüler und Studenten in ihren typischen Mützen folgen - meist gebannt, teilweise aber auch nachdenklich - der Rede. Und es sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die dem Vortrag lauschen, durchaus keine Selbstverständlichkeit am Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Zwei Figuren fallen aus dem Rahmen, weil sie sich dem Betrachter des Bildes zuwenden. Sie sind symmetrisch am linken und rechten Rand des Bildes postiert. In einer Figur ist Wilhelm von Humboldt zu erkennen, auch er ein Begründer der Berliner Universität und Reformer des preußischen Schulwesens. Man kann ihn als Vater des deutschen Gymnasiums bezeichnen. Die andere Figur ist ein Pfarrer. Mit ihm schließt sich der Kreis der Stände und Berufe, die für das Verlangen nach Freiheit, Gleichheit und Bildung stehen.

Im Laufe der Kriegs- und Nachkriegswirren gingen nicht nur Öfen und Schränke, sondern auch das Bild, das den rettenden Einfall gebracht hatte, verloren. 1988, im Jubiläumsjahr der Namensgebung, erhielt das Fichte-Gymnasium den Farbdruck "Fichte als Freiheitsredner" in dem ungewöhnlichen Format vom 95 cm zu 47 cm von Herrn Rechtsanwalt Uhrlandt und seiner Frau als großzügiges Geschenk. Fichte ist so wieder in das Amtszimmer des Schulleiters eingezogen.

Waltraud Fröchte