Rauschende Berliner Flüsse

Mauerreste

Wenn man durch Berlins Straßen zieht, meint man Heraklits Flüsse rauschen zu hören. Nicht zweimal könne man in denselben Fluss hineinsteigen, so der griechische Philosoph, denn alles sei im Fluss. Und so ist auch Berlin Übergang, Wandel: Häuserzeilen werden niedergerissen, wieder hochgezogen, ehemaliges Grenzland zwischen Ost und West gekauft und zugebaut, ganze Viertel im Osten touristisch aufgepeppt. Unterdessen nagt an der Bausubstanz westlich des einstigen Mauerverlaufs vielerorts der Zahn der Zeit. Kneipen eröffnen, sind für Monate angesagt, viele schließen dann wieder, manche werden zu Pilgerstätten für Nostalgiker. Menschen aus der Provinz ziehen in die Metropole, irren eine Weile in den endlosen Straßenschluchten umher und ziehen wieder fort ins Überschaubare. Überall in der Stadt lugt Geschichte aus den Rudimenten, aus den versprengten Resten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte. Allerorten legen Archäologen die Spuren der Geschichte frei und es die nicht  ganz anspruchslose Aufgabe der Einbildungskraft, die Scherben versunkener Welten wieder zu ganzen Epochen zusammenzusetzen. Vom 20. bis zum 26. September 2008 stellten sich die Schülerinnen und Schüler der 13. Jahrgangsstufe im Rahmen ihrer Studienfahrt dieser Aufgabe und der so verwirrend vielgesichtigen Stadt Berlin. 

An der Stresemannstraße – unweit entfernt vom Potsdamer Platz – bezogen die Schülerinnen und Schüler ihr Quartier. Rosa dominierte die Wandgestaltung in dem ruhig im Hinterhof gelegenen Hotel "Three little pigs", das die Gruppe für eine Woche beherbergte. Am Sonntag starteten die Schülerinnen und Schüler vom Potsdamer Platz zur Hauptstadterkundung. Vier Stadtführer warteten in dem weitläufigen Architekturpark und gingen mit den Schülern auf Entdeckungstour. Berührend war die Begehung des Holocaust-Mahnmals. Am südwestlichen Eck des Stehlengeländes löste sich die Gruppe auf, so dass ein jeder für sich das Areal durchqueren konnte. Nach einer Viertelstunde wollte man sich an der nordöstlichen Ecke wieder treffen. Kaum war man einige Schritte allein in die Gedenkstätte hineingegangen, war man auch schon ganz verloren - in den weiten, von Stehlen erzeugten Fluren und Gängen. Beklemmend. Über den Pariser Platz und durch das Brandenburger Tor führte die Stadttour schließlich zum Reichstag. Am Geländer vor dem Ufer der Spree – unweit des Parlamentsgebäudes - waren sieben weiße Kreuze angebracht. "Marinetta Jirkowski 22.11.1980", war auf einem der Kreuze zu lesen. Am 22. 11.1980 hatte Marinetta Jirkowski versucht über den Fluss vom Ostteil der Stadt in den Westen zu fliehen, war jedoch auf der Flucht erschossen worden. Schatten, Spuren der Vergangenheit – allerorten.

Bedrückend war auch der Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen am Sonntagnachmittag. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde auf dem weitläufigen Gelände einer ehemaligen Großküche im Nordosten Berlins ein sowjetisches Speziallager errichtet. Nach der Schließung des Lagers im Oktober 1946 entstand im Keller des Gebäudes das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Deutschland. Im Jahre 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit das Gefängnis, erweiterte es durch einen Neubau und nutzte es bis ins Jahr 1989 als Untersuchungshaftanstalt. Tausende politisch Verfolgte waren an diesem Ort inhaftiert, darunter fast alle bekannten DDR-Oppositionellen - wie etwa der Schriftsteller Jürgen Fuchs. Ehemals Inhaftierte führen heute Besuchergruppen durch die dunklen Gänge und unterirdischen Zellen der Haftanstalt. Schülerinnen und Schüler des Fichte Gymnasium begleitete der einstige Häftling Hans-Eberhard Zahn auf eine Reise in die DDR-Vergangenheit.

Fichte-Vertreter im Bundestag

Aktuelle deutsche Geschichte wird indes an dem Ort geschrieben, den die Schülerinnen und Schüler am Montagmorgen erkundeten. Auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Siegfried Ehrmann (SPD) besuchten die Schülerinnen und Schüler den Reichstag. Im gravitätischen Schatten der fetten Henne - über zwei Tonnen bringt der Bundesadler, der die Rückwand des Plenarsaals ziert, auf die Waage - erfuhren die Gäste aus der Seidenweberstadt allerlei über den Politalltag im Zentrum der Macht. Eine Plenarsitzung fand leider an dem Tag nicht statt. Hintergrundinformationen über das Wirken des Abgeordneten Ehrmann erhielten die Schüler von Joachim Bühler, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des SPD-Politikers, der in Berlin seine Arbeitsschwerpunkte in der Kultur- und Innenpolitik hat.  

Der schwerste Gang der Reise war für den Dienstag vorgesehen. Mit der S-Bahn fuhren die Schülerinnen und Schüler nordwärts über die Grenzen der Hauptstadt nach Sachsenhausen, zu der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers. Im August 1936 wurde das Lager, das ausschließlich für männliche Häftlinge gedacht war, 35 Kilometer nordöstlich von Berlin bei Oranienburg gebaut. Zunächst sperrte die SS politische Gegner des NS-Regimes in das KZ Sachsenhausen: Kommunisten, Sozialdemokraten, liberale und konservative Politiker. Später folgten Homosexuelle, Sinti und Roma, Christen, Zeugen Jehovas, Kriminelle. Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden circa 6000 Juden nach Sachsenhausen transportiert. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges füllte sich das Lager zunehmend mit Häftlingen aus den besetzten Ländern Europas. Zwischen 1936 und 1945 waren mehr als 200000 Menschen aus 40 Nationen im KZ-Sachenhausen inhaftiert, von denen mehrere Zehntausende die Lagerhaft nicht überlebten. Tausende von Menschen starben an Unterernährung, Krankheit, Erschöpfung und Misshandlungen oder wurden von der SS ermordet. Ab Oktober 1941 begannen in Sachsenhausen Massenerschießungen von über 12000 sowjetischen Kriegsgefangenen in einer eigens dafür errichteten Genickschussanlage. In kleinen Gruppen erkundeten die Schülerinnen und Schüler den Ort des Schreckens, vertieften sich in die Dokumente, die vom Vergangenen berichten. Sie gingen über das Gelände, durch die Baracken, über den ehemaligen Appellplatz, ließen den Ort auf sich wirken und schwiegen. Schatten und Spuren der Vergangenheit – allerorten.

(A. Stermann)

Fotos der Studienfahrt

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Herr Stermann

Herr Zahn betrat den Raum kurz vor Ende der Einführung in die Thematik "Berlin-Hohenschönhausen". Ein freundlicher Herr höheren Alters, der, nach Abgang der ersten Gruppe, sich kurz vorstellte und bereits bei diesem simplen Akt seine gelassene Natur zur Schau stellte. Er habe seinen nicht ganz freiwilligen Aufenthalt in Hohenschönhausen bereits verarbeitet. Im Jahre 1953 begann seine 10-monatige Untersuchungshaft in Hohenschönhausen, der 7 weitere Jahre in Unfreiheit folgen sollten, in denen er mehrfach das Zuchthaus wechseln musste.

Das Hauptaugenmerk seiner Führung legte Diplom-Psychologe Hans-Eberhard Zahn auf die psychologischen Druckmittel der Inhaftierung. Dazu zählten unter anderem die totale Isolation, Schlafentzug, Desorientierung (Die Gefangenen wussten nie, wo sie waren und ob sie die einzigen Inhaftierten waren oder nicht) und simple Anordnungen, die lediglich auf sture Gehorsamkeit abzielten (z.B. Verbot, sich an den Bettrand zu setzen).

Im späteren Verlauf der Führung wurden die moderneren Haftbedingungen anschaulich gemacht, die zum Ziel hatten, der DDR internationale Anerkennung als Rechtsstaat zu gewährleisten.

Der emotionale Höhepunkt seiner Führung war seine Erläuterung der eigenen Haftbedingungen, die allerdings nie ins melodramatische abrutschte. Herr Zahn erzählte, dass er etliche Male Shakespeares Sonette und ähnliches rezitierte, was er in der Schule gelernt habe. Dies sei die einzige Beschäftigung, die einem in der Haft bliebe. Anschließend trug er uns sein Lieblingssonett vor, während er auf einem hölzernen Sammelbett in einer Zelle saß.

Die Zeit verging schnell, doch im Nachhinein gab es noch Raum für private Unterhaltungen, beispielsweise um näher auf Herrn Zahns Leben einzugehen. Die Stimmung bestand aus einer Mischung aus Faszination und Bedrücktheit und der Inhalt der persönlichen Gespräche bleibt unter den damals Anwesenden. 

(Levin Gerdes & Rafael Alves Azevedo)