Die Ausflüge der "Palisades Gruppe"

Neben dem Familienleben und dem Schulalltag, welche vor allem die amerikanische Kultur zum Vorschein brachten, waren es vor allem die Ausflüge zu kleineren Orten in Pennsylvania, zu riesigen Shoppingmalls, aber am meisten zu Städten wie Washington D.C. und New York City, die in unseren Gedächtnissen erhalten blieben.

Manhattan

Schon kurz nach der Ankunft im JFK Flughafen in New York – und nach dem langen Warten auf die Meldung, dass viele unserer Koffer irgendwo in Virginia anstatt in New York gelandet waren – war es uns möglich, einen kurzen Blick auf das zu werfen, was wir in vier Wochen wieder sehen würden: Manhattan. Im Schulbus, der uns bis in die Walachei, nämlich unseren relativ abgelegenes Schuldistrikt, geleiten sollte, war im Prinzip nur eine Seite besetzt. Ziemlich alle von uns saßen an der rechten Fensterseite, von welcher aus man in weiter Ferne die Skyline New Yorks erblicken konnte.

Zwei Stunden später sahen wir unsere Austauschpartner das erste Mal "zum Anfassen" echt und man war zunächst aus "Wolke Amerika" auf dem Boden der Realität bzw. einem meist kleinem Zimmer mit meist noch kleinerem Bett angekommen. Die folgenden Wochen gestalteten sich jedoch nach und nach zu jenen, von denen man noch in 40 oder 50 Jahren seinen Kindern erzählt. Da die Zeit in den Familien und die Zeit, die wir in der Schule verbrachten, mit denen der anderen Gruppen zu vergleichen ist (siehe Berichte der anderen Gruppen), setzt mein Bericht erst wieder bei unserem Ausflug zum kleinen Örtchen New Hope an der Grenze zu New Jersey und direkt am Delaware ein.

Die Treffen mit den Lehrern (Herr Verhoeven und Frau Behler alias Papa Kasihasi und Behler B.) und die Gespräche mit unseren Austauschpartnern, hinterließen bei uns den Eindruck, New Hope sei ein kleines (verschlafenes) Dorf, dessen Bevölkerung ausschließlich aus homosexuellen Künstlern besteht. Tatsächlich müssen diese wohl allesamt an neuen Kunstwerken gearbeitet haben, da sich uns der Anblick von vielleicht sechs Straßen bot, von denen eine die Hauptstraße über den Delaware war und auf denen ehrlich gesagt niemand außer ein paar Touristen wie wir zu sehen war. Ein kleiner Laden mit allerlei Krimskrams und Scherzartikeln, erwies sich kurz nach der Ankunft als große Attraktion. Dort verbrachten wir bestimmt die Hälfte der uns zugesprochenen Zeit. Zu erwähnen ist außerdem, dass zu dieser Zeit das Wetter noch relativ gut war. So blieb uns auch ein wenig Zeit, uns auf einer der drei Bänke des Ortes zu sonnen.

Weitaus interessanter war unser Ausflug nach Doylestown. Nach einem kurzen Besuch im Starbucks Café der Hauptstadt des Bucks County führten uns unsere Erziehungsberechtigten in das Gerichtshaus. Dort wurde uns die Ehre zu Teil, eine private Führung eines Rechtsanwaltes zu erhalten. Im Court Room saßen wir schließlich auf der Jury-Bank und durften uns seinen Vortrag über das amerikanische Judikativsystem anhören. Dieser führte zu einer kleinen, aber durchaus ernsthaften Auseinandersetzung über die Todesstrafe. Anschließend entflammten noch in unserer Gruppe Diskussionen über die Rechtfertigung dieser. Den Anwalt konnten wir jedenfalls nicht davon überzeugen, gegen die Todesstrafe zu kämpfen.

Philadelphia

Die erste Fahrt, die wir mit unseren Partnern zusammen unternahmen, führte nach Philadelphia, die Stadt, in der Tom Hanks als AIDS-Kranker für seine Rechte kämpfte und Rocky für seine Boxkämpfe die Treppen hoch und runter lief. Zuvor waren wir schon "unter Deutschen" nach "Philly" gefahren und haben uns die legendäre Southstreet, eine meilenlange Einkaufsstraße, angesehen. Dort kauften wir auch Geburtstagsgeschenke für Paul. Diese stammten jedoch aus dem berüchtigten "Condom Kingdom", wobei der Name hier schon genug über die Art der Geschenke aussagen sollte. Zudem konnten wir hier auch zum ersten Mal die Schuhwünsche unserer in Deutschland verbliebenen Verwandten und Freunden befriedigen.

Mit der kompletten 30-köpfigen GAPP-Gruppe besichtigten wir nun die Downtown Area Philadelphias mit einigen Hochhäusern, die aber nicht im Geringsten an die Wolkenkratzer New Yorks herankommen sollten. Wir besichtigten zunächst ein Museum über die Liberty Bell, sahen uns anschließend die Independence Hall an und landeten zu guter letzt doch noch im Hard Rock Café. Unterwegs durfte ein waschechtes "Philly Cheese Steak" natürlich nicht fehlen.

Die meisten von uns besuchten Philadelphia im Laufe ihres Amerikaaufenthaltes allerdings nicht nur diese beiden Male.

Kurz vor Philadelphia liegt die riesige Shoppingmall "King of Prussia" (zu Deutsch: König von Preußen; allerdings konnten wir eine Bedeutung dieser Namensgebung selbst nach langem Überlegen nicht finden).

Eigentlich kann das Wort "riesig" die Größe dieses Gebäudes nicht beschreiben. "Gigantisch" wäre vielleicht ein wenig angebrachter. Jedenfalls hätten sich dort, wäre unsere Kaufkraft ein wenig höher gewesen, alle unsere Wünsche erfüllen können. So konnten lediglich Schuhwünsche erfüllt oder Ketten für die Freundin gekauft werden. Wir entdeckten – leider erst ziemlich spät – die Existenz von so genannten Massagestühlen, wobei "Durchknetestühle" oder "Zerquetscherstühle" besser passen würden. Auf jeden Fall konnten wir uns in diesen Stühlen für je fünf Minuten von den Strapazen des elend langen Wanderns durch die tausend Gänge des Preußenreichs erholen. Am Ausgang angekommen, überreichten wir unseren sichtbar erfreuten Lehrern zwei menschengroße Blumen als Dank dafür, dass wir später in den Hotels in Baltimore und New York den Tag erst um drei oder vier Uhr enden lassen dürften.

Nun war die Zeit gekommen, auf die wir uns alle schon lange gefreut hatten. In der dritten Woche ging es für vier Tage in ein Hotel nach Baltimore. Wie so oft fuhren wir dorthin mit unseren Vans. Die langen Fahrten mit Herrn Verhoeven und Frau Behler auf dem Fahrersitz werden uns wohl auch noch lange im Gedächtnis bleiben. Nachdem so ziemlich jeder Musikgeschmack mindestens einmal durchgehört wurde und von mindestens der Hälfte der Insassen abgelehnt wurde, gelangen wir letztendlich immer zu "Papas" Lieblingsmusik: dem Reggae.

Lustig waren auch Aktionen wie "Shake the Van", bei dem der Wagen zum Wackeln gebracht wurde oder das Headbanging zu American Idiot von Green Day (hierzu ist unser GAPP-Video dringlichst zu empfehlen).

Days Hotel Baltimore
J.F. Kennedy Grab

In Baltimore angekommen, waren wir zunächst erstaunt von der guten Qualität des Hotels: große Badezimmer, komfortable Duschen, riesige Betten und natürlich auch der Fernseher.

Tagsüber fanden jetzt also Fahrten wie z. B. nach Baltimore statt, wo wir das Aquarium mit einer Delphin-Show und (na klar) auch das Hard Rock Café besuchten.

Am dritten Tag zog es die Palisades Gruppe in die Hauptstadt Washington D.C., was unter anderem zu den Höhepunkten unseres Austausches zählte. Wir erwarteten zunächst schlechtes Wetter. Als wir aber zuerst am Grab John F. Kennedys und danach am Lincoln Memorial angelangten, erblickten wir schon erste Sonnenstrahlen. Beeindruckend war der Anblick der scheinbar endlosen Meile zwischen Lincolns Denkmal und Kongress. Mit dem Washington Monument im Hintergrund wurden viele Fotos von dem Punkt aus, wo Forrest Gump und Martin Luther King ihre Reden hielten, geschossen. Ebenso war es am Weißen Haus, von wo aus der mächtigste Mann der Welt seine Entscheidungen fällt. Teils quatschend und teils beeindruckt schweigend und auf jeden Fall mit einem Kribbeln im Bauch, betrachteten und bewunderten wir die bedeutenden Gebäude. Nach vielem Fotografieren vor dem Kongress gingen wir schließlich noch bei strahlendem Sonnenschein den Weg zurück zu den Vans und besuchten vorher noch das Luft- und Raumfahrtmuseum. Auf der ca. 2 km langen Brücke über dem Potomac begann es allerdings zu regnen. Und aus erfrischendem Nieselregen, der uns vom Wind in die Gesichter geblasen wurde, wurde der heftigste Niederschlag, den wir in unseren noch kurzen Leben erlebt hatten. Jedenfalls kamen wir 20 Minuten später vollkommen durchnässt an den Vans an und traten die Fahrt zurück ins Hotel nur noch mit Boxershorts bekleidet an.

Am Abend spielten wir noch, ganz zum Ärgernis der Mitbewohner des Hotels, Fangen auf den Fluren, bestellten uns Pizza oder "Chinese Food" und schliefen dennoch recht früh ein.

The Amish Village

Bevor es nun wieder zurück zu den Familien ging, fuhren wir noch ins Lancaster County, dem Gebiet der Amish People, die bekanntermaßen ohne neuste technische Errungenschaften (dazu zählt auch Strom) leben. In mehreren Läden der Amish, wurden lustige Fotos mit Hüten und Brillen gemacht und auf der Straße verlangsamte eine Kutsche den Verkehr. Am Abend waren wir schließlich wieder in Kintnersville bei unseren Familien angekommen.

Ehe wir die Reise nach New York antraten fand die Verabschiedung von unseren Austauschpartnern und Familien statt. Diese fiel ziemlich lang aus und viele Tränen wurden vergossen. Nach ungefähr zehn Abschiedsfotos und unzähligen Umarmungen sahen wir bald nur noch die winkenden Amis in der Ferne und nach kurzer, trauriger Stille begann die Vorfreude auf New York stetig zu steigen. Bald waren wir mitten in Manhattan angekommen und bestaunten die wirklich unglaubliche Atmosphäre und die riesigen Wolkenkratzer. Das Hotel lag nur wenige Meter vom Times Square entfernt, sah von außen edel und teuer aus, kam jedoch unserer Meinung nach nicht an die Qualität des Baltimore Hotels heran. Umso besser waren die Verbindungstüren zwischen unseren Zimmern, sodass wir sogar ohne über den Flur zu laufen zu den anderen gelangen konnten und zum Beispiel zusammen Filme ansehen, die wir uns via Pay-TV kaufen konnten.

Die Tage über liefen wir größten Teils durch die Stadt und besichtigten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Darunter stachen vor allem die Bootfahrt an der Freiheitsstatue vorbei zu Ellis Island (Ankunftsort der Einwanderer nach Amerika) und der kurze Ausflug zum Central Park hervor.

Bewegend und zugleich erschütternd war auch die Besichtigung des Ground Zero, an dem ursprünglich die Twintowers standen. Dort fanden wir einfach nur ein riesiges Loch in der Ansammlung von unglaublich vielen Wolkenkratzern vor und konnten uns nur zu gut die riesigen Gebäude vorstellen, die am besagten 9/11 zerstört wurden.

"Life itself" jedoch spürten wir am meisten am Times Square, dem Zentrum New Yorks. Die großen Bildschirme, die vielen Lichter und die enorme Anzahl an gelben Taxis ließen uns das Leben pulsieren fühlen. An diesem Ort schwebten wir wie nach unserer Ankunft auf  "Wolke Amerika" und begriffen mit und mit, wo genau wir uns befanden. Hier fanden wir auch das größte Hard Rock Café vor und kauften eifrig T-Shirts und andere Andenken. Auf der anderen Seite der Theaterstraße Broadway, begutachteten wir die riesige CD-Sammlung von Virgin.

Am letzten Abend gingen wir noch zu Fuß zum Empire State Building. Nach Durchlaufen der Sicherheitskontrollen und dem Fahren mit den mehreren Fahrzügen gelangen wir gegen 23 Uhr Ortszeit zum höchsten Punkt New Yorks und einst auch der Welt. Dort bot sich uns ein unglaublicher Anblick von Manhattan und den anderen New Yorker Stadtteilen. Für viele von uns war dies der absolute Höhepunkt des Austausches. Von der Schönheit und vor allem der Höhe beeindruckt konnten wir unten angekommen die ebenso beeindruckten Frau Behler und Herr Verhoeven noch von der Rückfahrt mit einer Limousine überzeugen. In dieser Nacht blieben wir noch lange wach und am nächsten Tag traten wir auch schon den Rückflug gen "Old Germany" an.

24 Stunden nachdem wir noch Empire State Building gesehen hatten, befanden wir uns schon wieder in den Autos unserer "richtigen" Familien und dachten – meist mit geschlossenen Augen – über all das nach, was wir in den letzten vier Wochen erlebt hatten.

Sebastian Ludwig, 2007