Schulgeschichte auf 40 Metern

Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Schule, 1851 - 1901

Von Lehrplänen bis Jahresberichten – das Archiv des Fichte-Gymnasiums ist nun Teil des Krefelder Stadtarchivs geworden.

Krefeld. Vierzig laufende Meter Archivgut, in denen 1200 Verzeichnungseinheiten stecken – sie gehören ab sofort auch zum Bestand des Krefelder Stadtarchivs. Waltraud Fröchte, die scheidende Schulleiterin des Fichte-Gymnasiums, überreichte als eine ihrer letzten Amtshandlungen das "Gedächtnis der Schule" Olaf Richter, dem Leiter des Stadtarchivs an der Girmesgath.

In diesem Archiv des Fichte-Gymnasiums stecken weit mehr als nur Verwaltungsakten rund um den Schulalltag aus mehr als 150 Jahren. Nüchtern aufgelistet gehören dazu Stundentafeln, Zeugnisse, Lehrpläne, Abiturarbeiten, Lehrerkonferenzprotokolle, Jahresberichte, Kursbücher, Personalakten, Festschriften und natürlich auch zahlreiche Fotos. Beispiele preußischer, kaiserzeitlicher oder auch nationalsozialistischer Amtsschimmel sind darin ebenfalls zu finden wie auch sehr viel Persönliches.

In der Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum 1951 ist die "Geschichte der Anstalt" akribisch aufgelistet: Wer wann in den hundert Jahren seinen Abschluss gemacht und welchen Beruf er gewählt hat. Bis in die 1970er Jahre ist in den Akten nur von Schülern die Rede; die Koedukation wurde erst 1977 im Fichte eingeführt.

Über die Zeiten hinweg und noch Ende der 1960er Jahre war es für die Schüler Pflicht, ihrem Antrag auf Zulassung zur Reifeprüfung einen Lebenslauf beizufügen. Mancher hakte dies in einer halben Seite handschriftlichen Textes ab, doch andere schilderten darin ihr kurzes und schon sehr bewegtes Leben, wenn es beispielsweise um die Kriegszeiten ging. Da kommen sehr anschaulich Alltagsgeschichte und typische Schicksale jener Zeit zum Vorschein, wie Flucht, Vertreibung und Väter in Kriegsgefangenschaft.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Schule 1943 an der Lindenstraße/Westwall geschlossen und die Schüler mit der Kinderlandverschickung in sichere Gebiete gebracht. Erst ab dem 1. Oktober 1945 wurde der Unterricht – so wie in allen Krefelder Schulen– auch im Fichte-Gymnasium wieder aufgenommen.

Ein spannender Aspekt und interessanter Spiegel ihrer Zeit sind die Themen der Abituraufsätze. Womit mussten sich 1914, in den 1930er Jahren oder in den 1950er Jahren die Schüler beschäftigen und kluge Gedanken – nach den Erwartungen der Lehrerschaft – äußern?

Wenn auch das Papierarchiv der Schule bis auf die jüngste Schicht nun im Stadtarchiv gelandet ist, so gäbe es im Fichte-Gymnasium noch manches Exponat, meint Schuldirektorin Waltraud Fröchte, das reif für das Deutsche Museum wäre.

Gewerbeschule

Als "Königliche Provincial-Gewerbeschule" wurde das Fichte-Gymnasium im Jahr 1851 gegründet. Die Schüler erhielten vor allem Unterricht in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik und wurden so auf die neuen Berufe vorbereitet , die in den aufstrebenden Industrieunternehmen der Samt- und Seidenstadt so dringend gebraucht wurden. Bereits 1851 wurde in der Gewerbeschule ein für die damalige Zeit außerordentlich modernes und gut ausgestattetes Chemielabor eingerichtet.

Quelle: Gabriele M. Knoll, wz-newsline, 30.01.14

Fichte-Gymnasium übergibt sein Schularchiv

Schulleiterin Waltraud Fröchte, übergibt das Schularchiv an Dr. Olaf Richter den Leiter des Stadtarchivs Krefeld (xity-Foto: E. Aslanidou)

Das Stadtarchiv Krefeld hat den Archivbestand des Fichte-Gymnasiums aus den Jahren 1854 bis 1988 übernommen.

Link: Videobericht

Krefeld - Waltraud Fröchte, noch Schulleiterin des Gymnasiums am Westwall, übergab als eine ihrer letzten Amtshandlungen die Unterlagen, Bücher, Personalakten, Jahresberichte und weiteres Schriftgut an Archivleiter Dr. Olaf Richter. Insgesamt handelt es sich um etwa 1200 Verzeichniseinheiten. Das entspricht rund 40 "laufenden Archivmetern“, wobei drei Dokumentenkartons etwa einen Meter ausmachen. "Die Inhalte gehen über das eigentliche Schulleben hinaus. So finden sich auch persönliche Schilderungen wie die Flucht eines Schülers zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Osten nach Krefeld“, sagt Richter. Das älteste Dokument von 1854 ist ein sogenanntes Kopierbuch, in das die Schülerzeugnisse handschriftlicht übertragen wurden. Neben den Noten vermerkten die Lehrer darin unter anderem Hinweise über den Fleiß und das Betragen der Schüler.

Bereits in den 1990er-Jahren ließ das Stadtarchiv den Bestand des Fichte- Gymnasiums erfassen und ein Findbuch anfertigen. Solche Bücher sollen es Historikern und anderen Interessierten erleichtern, gezielt nach Dokumenten zu suchen. Ein zweites Findbuch, das die Jahre ab 1988 umfasst, wird zurzeit erstellt. Der nun an das Stadtarchiv übergebe Bestand weist auch Lücken auf. So fehlen nachweislich Dokumente über jüdische Schüler aus den 1930er- und 1940er- Jahren. Auch Teile der Lehrerbibliothek sind um 1945 verlorengegangen. Dass das Fichte-Archiv überhaupt erhalten bleib, gleicht einem Wunder: Das Gymnasium brannte 2003. "Der Hauptbrandherd befand sich über dem Raum mit allen Dokumenten", erinnert sich Fröchte. Das Feuer griff auf diesen Raum nicht über und das Löschwasser verursachte einen überschaubaren Schaden. Dies sei dann auch der Punkt gewesen, zu überlegen, wo das Archiv zukünftig beheimat sein soll. "Das kann eine Schule so nicht leisten wie das Stadtarchiv", so Fröchte.

Für die lokale sowie regionale Geschichtsforschung bildet der Bestand des Fichte-Gymnasiums nun die Möglichkeit, in den Bereich der Mentalitäts- und Bildungsgeschichte, aber auch anderen Bereichen wie der Wirtschaftsgeschichte auf diese Quellen zuzugreifen. Anhand von Klassenarbeiten ließen sich beispielsweise nun Unterrichtsinhalte und Schwerpunkte über Jahrzehnte verfolgen, die wiederum Schlüsse über die staatliche Bildungspolitik ermöglichen. Als ehemalige Oberrealschule in der preußischen Rheinprovinz lagern auch das "Fichte" betreffende Akten zudem in Koblenz und ein persönlicher Nachlass in Viersen, die man für eine solche Untersuchung hinzuziehen könnte. "Damit steht die Krefelder Schule in einem großen Verbund", so Richter. Andere Krefelder Schulen besitzen zwar auch Archive, deren Bestand aber größtenteils dort aufbewahrt wird. Im Stadtarchiv befänden sich lediglich "Splitterbestände" von einzelnen Schulen. "Deshalb wäre es wünschenswert, wenn auch andere Schulen dem Schritt des Fichte-Gymnasiums folgen würden", so Richter.


Quelle: http://www.xity.de , 30.01.14