Bewegendes Plädoyer für das Mitgefühl

Bilderreigen der Bedrückung: Schüler des Fichte-Gymnasiums haben unheimliche Stellen im Schulkeller fotografiert. Die Schwarz-weiß-Aufnahmen spielen mit Licht und Schatten und sollen an die bedrückende Stimmung in den Konzentrationslagern erinnern. Foto: Bastian Königs

Krefeld (RP). Beim Holocaust-Gedenktag haben Fichte-Schüler Gefühle von Angst und Bedrückung thematisiert – und so für Mitgefühl geworben.

Es ist dunkel, kalt und bedrückend still trotz der rund 80 Menschen, die den Weg durch den engen Tunnel vom Bahnhofsvorplatz zum Südbahnhof suchen. In einer Ecke hocken drei Jugendliche: Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Blicke leer, die Arme schützend um den Körper gelegt. Plötzlich wirft ihnen jemand eine Schüssel mit Reis zu. Die Gruppe zerfällt in Gegner. Ein Kampf um die Schüssel, ums Überleben beginnt. Die Zuschauer schauen zu, wie ein Mädchen zu Boden geht und der Reis in die Luft fliegt.

Die Theaterszene ist Teil des Holocaust-Gedenktages, den Stadt und Fichte-Gymnasium gestern gemeinsam ausgerichtet haben. Der Tag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar vor 68 Jahren durch Truppen der Roten Armee. "Damals bedeutet in diesem Fall nicht nur Vergangenheit, sondern Gegenwart und wahrscheinlich auch Zukunft. Das heutige Nachfühlen und Mitempfinden ist sehr wertvoll. Es ist der Schlüssel für uns, die wir die Zeit nicht selbst miterlebt haben, wachsam zu bleiben, um dem Extremismus keine Chance zu lassen", sagte Oberbürgermeister Gregor Kathstede in seiner Ansprache.

Zum ersten Mal fand die Veranstaltung nicht in einer Schule, sondern im Südbahnhof statt – unter den Gleisen, über die der letzte Zug zum Konzentrationslager Theresienstadt fuhr. Die Architektur mit engen Gewölben und dunklen Räumen unterstützte die bedrückende Wirkung der Theaterszenen, die die Schüler erarbeitet hatten. Die Szenen zeigten, was mit Menschen passiert, die das Menschliche ausschalten, um zu überleben. "Wir haben uns über Kälte und Hunger, was wir schon kennen, herangearbeitet. Anfangs war es total schockierend, so zu handeln", sagte Schüler Johannes Bartsch. Im Mittelpunkt stand die Frage nach Ausgrenzung und Angst heute. "Wieso meinten so viele, es gehe sie nichts an, was an Unrecht und Leid geschah? Wo fängt das Nicht-Anteilnehmen an? Was ist es, das mich manchmal stumpf oder unempfindlich für die Leiden anderer macht?", fragte Kunsthistoriker Ron Manheim. Es waren unbequeme Fragen, die das Gewissen berühren. Nachdenkliche Blicke der Zuschauer wanderten zu den Wänden. Dort hingen Bilder von Schülern, die das Thema Ausgrenzung konkret machen: Es geht um Dreierbeziehungen, bei denen einer immer der Andere ist: Mal liegt er auf dem Boden, mal steht er abseits, mal wird er getreten. Die Konzentration auf die Farben schwarz und weiß verdeutlicht das Kategoriendenken: Gut und Böse, Dazugehören und Anderssein. "Für Zwölfjährige ist so ein Thema nicht einfach, doch die Bilder sind sehr tiefgreifend und so konkret. Das zeigt, dass viele bereits Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht haben", sagte Manuel Schroeder, Vorstandsmitglied des Kunstvereins Raumordnung, der bei der Vorbereitung half. Der 16-jährige Lukas Pfeil bestätigte diese Einschätzung: "Durch die Projektarbeit bin ich sensibler für mein Umfeld geworden. Früher habe ich zum Beispiel einen blöden Witz gerissen, jetzt überlege ich zweimal, ob ich ihn wirklich erzähle."

Am Ende der berührenden Veranstaltung sagte Schuldirektorin Waltraud Fröchte: "Die Schule ist ein Ort der Begegnung, wo ein jugendliches Ich andere jugendliche Ichs trifft und lebenslanges Lernen beginnt – mit uneingeschränktem Respekt und Verantwortungsbewusstsein." Hinter ihr sitzen die drei Jugendlichen, die sich eben noch für eine Schüssel Reis angefallen haben, und lachen – wie befreit vom Alpdruck der Theaterszene.

Natascha Verbücheln, rp-online, 28.01.13

 

Schul-Aktion: Szenen des KZ-Alltags im Tunnel des Südbahnhofs

Schülerinnen und Schüler des Fichte-Gymnasiums gestalteten den Gedenktag. (Foto: Andreas Bischof)

Das Fichte-Gymnasium gestaltete diesmal den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Krefeld. Beklemmend intensiv und authentisch: Die sechs Schüler des Fichte-Gymnasiums spielen auf zwei Bühnen im dunklen, rund 50 Meter langen Zugangstunnel zum Südbahnhof Alltag im Konzentrationslager. Der Kampf der zerlumpten Opfer um eine Decke, um einen Happen Essen im Zeichen der braunen Gewalt lässt die Besucher erstarren. Inszeniert hat die Szenen Yvonne Keßel.

Jeder Besucher erhält Foto und Text über eines der Opfer

"Ich und anders" haben die Schüler zum Leitmotto des internationalen Auschwitz-Gedenktages gemacht. In einem Text heißt es dazu: "Für den anderen bin ich der andere. Ich bin der andere für jeden anderen. Und jeder andere ist ein Ich, das für alle anderen ein anderer ist."

Rund anderthalb Stunden dauert das Programm für die über hundert Gäste im Kulturzentrum an der Saumstraße. Unter ihnen auch Michael Gilad und Johann Schwarz von der jüdischen Gemeinde.

Jeder Besucher erhält ein Foto mit einem Text über einen Mitbürger, der in den Vernichtungslagern der Nazis umgekommen ist. Alleine die jüdische Gemeinde in Krefeld betrauert den Tod von über 1000 Mitgliedern. Zum Beispiel Helmuth Zanders, 1942 nach Izbica deportiert und 1945 für tot erklärt. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Oberbürgermeister Gregor Kathstede mahnt dazu, wachsam zu bleiben, rechten Extremisten keine Chance zu geben. Konsequenz aus dem Erinnern müsse sein: "Wir müssen täglich Freiheit, Frieden, Menschenrechte und Demokratie verteidigen." Mit Blick auf die Mörder der NSU meinte er, die Rechte formiere sich neu, nutze moderne Kommunikationsmedien, biete einfache Lösungen für komplizierte Vorgänge an. Kathstede: "Wir haben die Pflicht, uns einzusetzen gegen die menschenunwürdige Behandlung anderer Menschen." Neben dem Blick zurück steht das Gedenken auch im Zeichen der Zukunft. Schule sei nicht nur für die Vermittlung von Wissen zuständig, sondern sei "Zukunftswerkstatt".

Im Dialog zwischen der Schulleiterin Waltraud Fröchte und dem Kunsthistoriker Ron Manheim heißt es: "Die Einzigartigkeit gibt uns Würde, sie ist der Grund für unsere Ansprüche auf Unverletzlichkeit, auf Anteilnahme, auf Liebe." Manheims Großeltern wurden in Auschwitz von den Nazis getötet. "Ihr Tod ist Gegenwart, solange er gegenwärtig ist."

Egon Traxler, wz-newsline, 27.01.13

 

Gedenktag: Erinnerung an NS-Schrecken im Tunnel des Südbahnhofs

Der Tunnel im Südbahnhof mit Blick auf den Eingang "Am Hauptbahnhof": Fichte-Schüler bereiten die Gedenkfeier am Sonntag vor. (DJ)

Fichte-Gymnasium ist Ausrichter.

Krefeld. Es wird ein Tag mit Erinnerungen, Gedenken, Begegnungen – aber auch ein Tag mit dem Blick nach vorne, verbunden mit der Frage: "Wie bin ich gegenüber jemandem, der anders ist als ich?"

All dies wird Inhalt des Gedenktages für die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt am Sonntag sein. Es ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Bericht eines Betroffenen hat die Auswahl des Ortes mitbestimmt

Der Gedenktag wird in Krefeld seit Jahren von der Stadt und von Schulen ausgerichtet. In diesem Jahr ist es das Fichte-Gymnasium – und erstmals findet der Tag nicht auf einem Schulgelände statt, sondern im Südbahnhof.

Waltraud Fröchte, Direktorin des Fichte-Gymnasiums, berichtete gestern im Gespräch mit der WZ von einem Schüler, der vor über 50 Jahren am Fichte sein Abitur gemacht hat. Als er elf oder zwölf Jahre ist, wird er gerufen, um am Hansa-Zentrum verzweifelt Abschied von seiner Mutter zu nehmen – einer Jüdin, die in den Zug steigen muss und nach Theresienstadt deportiert wird.

Es ist der letzte Zug, der von Krefeld aus nach Theresienstadt geht. Für Waltraud Fröchte war dieser Bericht, den sie selbst mit anhörte, der Grund, den Südbahnhof als Ort der Gedenkfeier zu wählen: "Am Sonntag sitzen die Gäste und Gestalter des Gedenktages genau unter den Gleisen, auf denen damals auch dieser letzte Zug gefahren ist. Das ist eigentlich der Ort, an dem wir sein sollten, um uns an Deportation und Vernichtung zu erinnern."

"Ich und Anders" ist der Leitgedanke des Gedenktages. 60 Fichte-Schüler werden am Sonntag Mit-Gestalter der Feier sein, viel mehr als diese 60 haben bei den Vorbereitungen mitgemacht – quer durch alle Stufen von 6 bis 13. Seit dem Beginn dieses Schuljahres haben sie sich im Unterricht und in Arbeitsgemeinschaften an die damaligen Geschehnisse, aber auch an mögliche Darstellungsformen herangearbeitet. So war zum Beispiel ein Leistungskurs der Oberstufe oft im Stadtarchiv, um dort zu recherchieren.

Schüler werden die Gäste am Eingang empfangen

Bei dieser Arbeit dabei waren Lehrer, Historiker, bildende Künstler, Musiker. Und am Sonntag gehören Manuel Schroeder und Mauga Houba-Hausherr zu den Künstlern, die Kulturagentin Birgitta Heller, die auch am Fichte-Gymnasium arbeitet, für das Programm der Gedenkfeier miteinbeziehen konnte.

Treffpunkt am Sonntag wird um 11 Uhr der Eingang zum Südbahnhof nicht an der Saumstraße, sondern an der anderen Seite an der Straße Am Hauptbahnhof sein.

Die Gäste werden von Schülern der Theater-AG einzeln in Empfang genommen. Über verschiedene Stationen hinweg werden sie durch den langen Tunnel in den Veranstaltungsraum gebracht.

Eine halbe Stunde später, um 11.30 Uhr, beginnt die eigentliche Gedenkfeier, bei der neben den Reden ein Dialog auf dem Programm steht.

Am Montag wird der Performance-Teil der Veranstaltung für die Acht- und Neuntklässler des Fichte im Südbahnhof wiederholt. Noch keinen Termin gibt es für die Oberstufenschüler, die das Erarbeitete im Kresch-Theater sehen werden.

Karl-Gerhard Deußen, wz-newsline, 27.01.13