Vielfalt ist das Erfolgsrezept des Fichte-Gymnasiums

Betrachten die kulturelle Vielfalt an ihrer Schule als Schatz (v. l.): Adil Öztürk, Arthur Eirich, Wladislaw Peljuchno und Okan Yilmaz. (Fotos: Andreas Bischof)

44% der Abiturienten sind Kinder von Migranten – das liegt weit über dem Durchschnitt in NRW.

Luan, Süleyman und Ruslana – wer die Liste der diesjährigen Abiturienten vom Fichte-Gymnasium genauer unter die Lupe nimmt, erkennt: Diese Schule ist etwas Besonderes. "Wir waren schon immer eine kleine Uno", sagt Direktorin Waltraud Fröchte lachend. "Momentan besuchen Kinder aus 19 Staaten unser Gymnasium, es waren aber auch schon mal fast 30 Nationen."

Diese kulturelle Vielfalt stellt die Innenstadt-Schule, gelegen am Westwall, vor besondere Herausforderungen – bietet aber gleichzeitig auch eine entscheidenden Vorteil: "Bei uns herrscht eine sehr positive Atmosphäre", findet Fröchte. "Die Schüler sind offen und tolerant, für sie ist das Fremde nicht fremd."

Für die Schüler spielen Nationalitäten keine Rolle

Mittlerweile haben 50% der Fünftklässler einen Migrationshintergrund – und so spiegelt das Gymnasium das Gesellschaftsbild in der Krefelder City ziemlich genau wieder. Doch was angesichts der in diesen Tagen überaus hitzig geführten Integrationsdebatte von vielen als Nachteil angesehen wird, betrachten die Schüler als einen Schatz.

"Alle an dieser bunten Schule bewerten die Vielfalt als positiv", sagt Schülersprecher Arthur Eirich. Der Stipendiat geht mittlerweile in die 13. Klasse. 1992 ist er als Einjähriger mit seinen Eltern aus Kasachstan eingewandert. "Bei uns spielen Nationalitäten keine Rolle, wir achten auf das Wesentliche: den Charakter eines Menschen."

Unter diesen Multikulti-Voraussetzungen gelingt dem Fichte-Gymnasium Jahr für Jahr aufs Neue, wovon Bildungspolitiker deutschlandweit bislang nur träumen: Während laut Statistik lediglich 15% der Migrantenkinder eines Jahrgangs in Nordrhein-Westfalen ein Gymnasium besuchen – und letztendlich nur zehn Prozent das Abitur bestehen –, kann die Krefelder Schule ganz andere Zahlen vorweisen: "In diesem Jahr waren 44% unserer Abiturienten Migranten, darunter 44% Mädchen", sagt Schulleiterin Fröchte. "Ihre bevorzugten Leistungskurse sind Mathematik Englisch und Deutsch, aber auch Biologie, Chemie und Französisch."

Trotzdem muss sich Wladislaw Peljuchno häufig gegen Anfeindungen wehren. Der gebürtige Ukrainer, Schüler der zwölften Klasse, hat einige Freunde an der Marienschule und bekommt immer wieder zu hören, dass er eine "Türkenschule" besuche. "Die Vorurteile sind auch bei jungen Leuten definitiv gegeben", stellt er fest. "Die realisieren gar nicht, dass wir wegen des Zentralabiturs alle die gleichen Leistungen bringen müssen."

Der Banker Imran Özdemir hat seine Tochter Irem aufs Fichte geschickt.

Die Schüler wissen: Das Elternhaus spielt eine entscheidende Rolle

Auch Adil Öztürk, der nächstes Jahr Abi macht und dessen Opa 1965 als Gastarbeiter aus der Türkei eingewandert war, ist stolz auf seine Schule. "Hier werden Innovation, Tradition und Integration miteinander verbunden", erklärt das Mitglied der Schülervertretung. "Das Fichte setzt aufs Miteinander statt auf Spaltung – und das kann in Zeiten der Globalisierung nur von Vorteil sein. Wir nutzen die Stärken der einzelnen Individuen und Kulturen."

Die Schüler wissen aber auch um die Schwierigkeiten, die einige Kinder mit Migrationshintergrund mitbringen: "Das Elternhaus spielt eine entscheidende Rolle", erklärt Okan Yilmaz, der gerade in der Einführungsphase für die Oberstufe steckt. "Dort fehlt es manchmal an der nötigen Unterstützung, sei es wegen mangelnder Sprachkenntnisse, wegen eines niedrigen Bildungsgrads oder einfach Desinteresse."

Über Jahre wurde ein spezielles Förderprogramm entwickelt

Um diese mangelnde Chancengleichheit auszumerzen, setzt die Schule auf ein über die Jahre gewachsenes, breites Förderprogramm. Das reicht vom Sprachunterricht in Kleinstgruppen über das Drehtürmodell für besonders begabte Kinder bis zur Teilnahme an besonderen Projekten und Wettbewerben.

Dieses umfassende Bildungskonzept, von dem alle Schüler unabhängig ihrer Herkunft profitieren, hat auch Imran Özdemir dazu bewogen, seine Tochter Irem aufs Fichte zu schicken. Der Banker hat 1992 ebenfalls an dieser Schule sein Abitur gemacht. "Hier kann sie die Bildungsmöglichkeiten zu hundert Prozent nutzen – und auch noch etwas über Toleranz und Offenheit lernen."

Referendarin Rabia Bayram stärkt interkulturelle Kompetenzen.

Einen Beitrag dazu wird auch Rabia Bayram leisten. Die Krefelderin, die als Schülerin das Gymmasium Fabritianum in Uerdingen besuchte, macht seit August ihr Referendariat am Fichte. Ihr Steckenpferd ist die interkulturelle Kompetenz. "Ich möchte den Schülern dabei helfen, Interesse und Empathie für andere Kulturen und Sitten zu entwickeln", sagt sie. "Außerdem will ich Vorbild sein. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund schaffen es nämlich nicht, die zwei Identitäten, die sie ausmachen, miteinander zu vereinbaren. Sie fühlen sich dann nirgendwo richtig zugehörig. Und ich will ihnen zeigen, dass das so nicht sein muss."

Anfänge

An dem 1851 gegründetem Fichte-Gymnasium legten 1853 die ersten drei Schüler eine Abschlussprüfung ab. Einer von ihnen war Friedrich Melendez aus Chile.

Migrantenförderung

Die Erfahrungen am Fichte-Gymnasium auf dem Gebiet der Migrantenförderung reichen mehr als 30 Jahre zurück. In den 1980er Jahren besuchten Schülerinnen und Schüler aus 28 Nationen die Schule – unter anderem aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, aber auch aus Chile, Sri Lanka und Vietnam.

Aussiedlerprogramm

Das Fichte-Gymnasium ist Anfang der 1990er Jahre in das sogenannte Aussiedlerprogramm eingestiegen. Mädchen und Jungen aus Polen und den verschiedenen Staaten der damaligen Sowjetunion, die zumeist ohne deutsche Sprachkenntnisse eingewandert waren und eine ihnen vertraute Lebenswelt hatten verlassen müssen, wurden von einer Lehrerin betreut und in die deutsche Sprache eingeführt. Ergebnis: Die Kinder gliederten sich schnell in den normalen Unterricht ein. Fast ausnahmslos machten alle ihr Abitur, viele mit hervorragenden Ergebnissen.

Schulleiterin Waltraud Fröchte setzt auf individuelle Förderung.

Agnes Absalon, Westdeutsche Zeitung WZ-Newsline, 19.10.10