Das Fichte-Gymnasium trauert um Herrn Dr. Rüdiger

Nach einer über zweieinhalb Monaten anhaltenden, sehr schweren Erkrankung ist Herr Dr. Rüdiger am 1. Mai 2007 verstorben.

Wer kannte ihn nicht, den Supermathematiker Rudi, auch manchmal Dr. Karl Heinz Rüdiger genannt. Wer ihn kennen gelernt hat, hat Glück gehabt, denn er war stets zu Späßen aufgelegt und hatte den für Pädagogen notwendigen guten Draht zu seinen Schülerinnen und Schülern. Seine unkonventionellen Unterrichtsmethoden, die Betreuung unserer Schüler im Rahmen des "Bundeswettbewerbs Mathematik", die Schöpfung des imaginären Schülers Pablo Weizenkeim, die zahlreichen Mathematikbücher, die er geschrieben, oder bei denen er mitgewirkt hat, haben ihn weit über die Grenzen des Einzugsbereichs unseres Fichte-Gymnasiums berühmt und bekannt gemacht.

 

Er wurde am 12. Juni 2006 im Rahmen einer offiziellen Feier in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, und konnte sich an seinem türkischen Domizil leider nicht mehr lange erfreuen. Wir alle hätten ihm einen längeren, wohlverdienten Ruhestand gegönnt, den er sicherlich dazu genutzt hätte, auf weitere, durch die Benutzung immer schnellerer Rechner neu entdeckte Primzahlen zu warten. Angesichts der rasanten technischen Entwicklungen in unserer Zeit, sagte er immer, dass wir in einer aufregenden Zeit leben. Die Weiterentwicklung der Technik hat nun leider einen Bewunderer weniger.

Gedanken des ehemaligen Schülers Michael Hagen

Ein letzter, persönlicher Gedanke an Dr. Karl-Heinz Rüdiger 

Im Jahre 1979 rief Dr. Karl-Heinz Rüdiger, damals 36 Jahre alt und damit jünger als wir heute, die wir 1983 bei ihm Abitur gemacht hatten, mit Unterstützung des damaligen Direktors Wilhelm Kuypers eine EDV-AG für Oberstufenschüler am Fichte-Gymnasium ins Leben. Es gab noch kein Internet, Großrechner hatten noch die Dimensionen von Kleiderschränken, PCs waren, wenn man sie denn als solche überhaupt bezeichnen darf, sündhaft teuer, programmierbare Taschenrechner gab es zwar auch schon, waren aber ebenfalls kaum erschwinglich. Der Nachgeborene, aber auch so mancher damalige Zeitgenosse, für den heute das tägliche Surfen im Internet, E-Mail, Skypen und MSN nurmehr noch Routine bedeutet, kann kaum erahnen, was diese Gründung der AG und die Anschaffung eines “Computers” in der damaligen Zeit vor nun fast 30 Jahren bedeutete. Dr. Rüdiger hatte nicht nur eine Vision, sondern lebte sie auch hellseherisch für seine Schüler aus.

Ich kann mich noch sehr gut an jenen Commodore der 3000er Serie erinnern, bestückt mit unglaublichen 32 KB, an dem wir unter seiner Leitung Basic-Programme erstellten oder zur Kurzweil Karten spielten. Mittels eines Siemens-Schaltbaukastens lernten wir elektronische Schaltungen. In kurzer Zeit waren Umwandlungen von Dezimal- in Binär-, Oktal- oder Hexadezimalzahlen keine mathematischen, Flip-Flops und Schieberegister keine technischen Wunder mehr, sondern Grundlage unseres Wissens, auf dem so mancher seine Zukunft aufbaute. So auch ich. Und ich möchte bezweifeln, dass so mancher ehemaliger Fichteschüler seinen Weg so gegangen wäre, wie er ihn denn dann gegangen ist, wenn Dr. Karl-Heinz Rüdiger die Richtung mit seinen Visionen und seiner Art nicht zumindest zum Teil vorgesteckt hätte.

An einem Nachmittag des Frühjahres 1981 saßen der “Doc”, wie wir ihn damals vertraulich, aber respektvoll nannten, und ich in einem Raum hinter dem Sekretariat vor eben jenem Commodore und programmierten ein Stundenplan- und Kursverwaltungsprogramm für die Oberstufe des kommenden Schuljahres. Was heute in der Softwareerstellung ein Muss und Standard ist, war “Doc” schon damals geläufig - wir mussten das Programm testen. Was blieb da anderes übrig als eine Testperson zu erfinden, anhand der wir die Korrektheit des Programmes überprüfen konnten. Mit viel infantilem Gekicher, das nur aus dem Gemüt eines Mathematikers kommen kann, saßen wir dort und sinnierten über einen einprägsamen Namen für diese Testperson. Wer, wann und warum die Eingebung dann hatte, weiss ich nicht mehr, aber es war auf jeden Fall die Geburtsstunde unseres “Pablo Weizenkeims”. Wer damals neben “Doc” gesessen hätte, wer beobachten konnte mit welchem diabolischen, schelmischen und mit kindlicher Freude versehenen Lachen er Pablo in alle möglichen Kurse eintrug, der hat ein Bild von diesem Lehrer. Dass er nach Rücksprache mit dem damaligen Direktor Pablo in den Kurslisten behielt und von mir striktes Stillschweigen verlangte, weil er sehen wollte, wie sich denn so eine digitale Phantomfigur im altehrwürdigen Fichte-Gymnasium etablieren und vor allem, welche Reaktionen jener neue Schüler beim Lehrkörper auslösen würde, spiegelte seine Art von Humor wider.

Heute wird jeder der damals schon am Fichte unterrichtenden Lehrer mit stolz gewölbter Brust behaupten, dass er diesen “fake”, wie wir es heute nennen würden, natürlich sofort erkannt hätte. Wer aber damals die verduzten Gesichter dieser Lehrer beim Durchsehen ihrer Kurslisten und dem Abgleich mit den tatsächlich anwesenden Schülern sehen konnte, weiss, dass diese Eulenspiegelei durchaus gelungen war. Insbesondere, weil während der Androhung einer Stufenkonferenz wegen Nichterscheinens zum Unterricht, plötzlich Entschuldigungen von Pablo eingingen. Dass diese aus einem ausgiebigen Skiurlaub in Davos stammten, zeigte, dass Pablo nun durchaus auch ohne seine Eltern überlebensfähig und in die Köpfe sowie die Seelen der Schüler und Lehrer eingedrungen war. Der ältere Vater Pablos, Dr. Karl-Heinz Rüdiger, hat sich noch Jahrzehnte danach über diesen Schelmenstreich köstlich amüsiert.

Mathematikunterricht! Mathe beim “Doc” war eine etwas unorthodoxe Scheinwelt zwischen Zahlen, Gleichungen, Kurven, alten mit Einritzarbeiten versehenen Holzbänken, Kopfnüssen bei Unaufmerksamkeit und Unkenntnis, nass geworfenen Schwämmen zum Wecken eingenickter Schüler, Hausaufgaben- und Merkheften, dem obligatorischen “Mensch, Kerle” oder mathematischen Spielereien, die uns Mittelstufenschüler ins Erstaunen versetzte.

Mit seiner Art verstand es “Doc” eine pubertierende Horde von Halbstarken im Zaume zu halten, ohne dabei den autoritären Pädagogen herauskehren zu müssen - man bedenke, dass wir damals noch eine reine Jungenschule waren. Das gelang bei weitem nicht jedem Lehrer an unserem Gymnasium. Nein, respektlos waren wir ihm gegenüber nicht. Zwar behandelte er uns kumpelhaft und als “renitente Kerlchen”, was mit einer Kopfnuss oder einem Kniff in den Oberarm teils schmerz-, doch immer scherzhaft unterstrichen wurde, aber wir sahen ihn nicht als gleichwertig an. Er stand über uns.

“Doc” war als Lehrer kein unscheinbares Neutrum, er unterschied sich in seiner Art so von den übrigen Lehrern, dass die einen Schüler ihn liebten, die anderen lieber einen großen Bogen um ihn machten - insbesondere dann, wenn sie bei ihm Matheunterricht hatten und wussten, dass die nächste Klausur bevorstand, aber das nötige Wissen doch etwas spärlich ausfiel.

Wie freute ich mich jedesmal, wenn ich ihn nach dem Abitur, während und nach dem Studium in Krefeld wiedersah und wir bei einem Alt im “Bröcksken” über Pablo, das alte sowie derzeitige Fichte, die Lehrer und die Schüler, über mein Studium und meinen Werdegang, über sein Häuschen in der Türkei und seine neuen Buchprojekte sprachen.

Doc war anders – unorthodox, schelmisch, ein wenig verrückt vielleicht, humorvoll, Pädagoge bis ins Mark.

Durch meine Arbeit im Ausland konnte ich ihn in den letzten fünf Jahren nicht mehr sehen. Wir waren in Mail-Kontakt, dann hatte ich lange Zeit nichts mehr von ihm gehört. Ich vermutete ihn vollauf mit seinem Türkeiprojekt beschäftigt, nachdem er mir schrieb, dass er sich vorzeitig pensionieren liesse. Heute erfuhr ich von seinem Tode. 

Für mich war Dr. Karl-Heinz Rüdiger nicht nur Lehrer, sondern ein geistiger Mentor. Ich trauere um ihn und schäme mich nicht zu gestehen, dass ich um ihn weine. 

Santiago, Chile, im Mai 2007

Michael Hagen, Abitur 1993